Kreiensen:
Bahnknoten mit viel Betrieb und wenig Service

Blickt man vom Empfangsgebäude des Bahnhofs Kreiensen – übrigens dem schönsten mindestens in Südniedersachsen – nach Süden, kann man die große Brücke der Neubaustrecke erkennen und ab und an auch einen ICE darauf vorbeirauschen zu sehen. Der große Fernverkehr macht seit deren Inbetriebnahme 1991 einen Bogen um den einstigen großen Knotenpunkt im kleinen Dorf, welcher einen ebenso legendären Ruf genoss wie Bebra oder Treuchtlingen, auch sie infolge Neubautrassen inzwischen ebenso an den Rand gedrängt wie unser Bahnhof, der sein Entstehen der früheren Grenzziehung zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Hannover verdankt. Hannoversche und Braunschweigische Südbahn kreuzen sich hier. Im mit allerlei bahntypischen Symbolen verzierten, von Hubert Stier konzipierten Bauwerk dinierten einst Kaiser Wilhelm, die Kaiserin, der Kronprinz – der hat hier sogar auf der Durchreise Zeitungen gekauft.

 

 

Was soll aus dem wundervollen Empfangsgebäude von Kreiensen werden?

 

Diese Glanzzeiten sind längst vorüber. Aber bedeutungslos ist Kreiensen deswegen nicht geworden, ebenso wenig übrigens wie die anderen genannten Knotenpunkte. Sie alle sind heute von regionaler Bedeutung. Knapp 120 Reisezüge sieht Kreiensen heute täglich, dazu einen enormen Strom durchrollender Güterzüge auf der Nord-Süd-Strecke, ab und zu auch einen solchen auf den Strecken nach Holzminden und Seesen. Zu den Reisezügen gesellen sich, vorwiegend an Schultagen, etwa 20 Linienbusse auf dem Vorplatz. Der randvolle Pendlerparkplatz kündet von der neuen Rolle Kreiensens in der heutigen Bahnlandschaft. Alle zwei Stunden treffen sich Züge aus Paderborn, Bad Harzburg, Hannover und Göttingen und tauschen ihre Fahrgäste aus, dazwischen werden immer 3 der 4 Strecken von Reisezügen bedient. Es herrscht immer noch – oder soll man sagen wieder? – reges Leben und Treiben, im Zeichen vertakteter Verkehre natürlich vorwiegend dann, wenn die Züge einlaufen, halten und wieder davonrollen. Freilich: Viele Gleise braucht es hierfür nicht mehr, und im alten Postbereich, einst quirliger Umschlagpunkt für Pakete und Päckchen, ist Stille eingekehrt.

 

Der Bedeutung des Bahnknotens Kreiensen wird die Ausstattung mit Hinweisen und Personal allerdings in keiner Weise gerecht. Zwar gibt es ein privat betriebenes kleines Reisezentrum, dessen Vorraum sogar rund um die Uhr geöffnet ist und frierenden Reisenden Zuflucht bietet, und es gibt auch die üblichen Automaten für Getränke und Snacks. Seit dem Umbau sind auch zwei Aufzüge vorhanden. Doch die Fahne menschlicher Ansprechpartner in kritischen Situationen, also Verspätungen, Zugausfällen und anderen Dingen, wird an 6 von 7 Tagen in der Woche von der örtlichen, der evangelischen Kirche von Kreiensen zugehörigen Bahnhofsmission hochgehalten. Eine örtliche Aufsicht der Bahn, angesichts dreier unabhängig voneinander operierender Verkehrsunternehmen und im fernen Hannover bedienter Weichen und Signale eine absolute Notwendigkeit, ist seit Mai 2015 nicht mehr vorhanden. Eingespart. Die Ansagen zu den Zügen und die Anzeigen auf den neuen Displays werden von Göttingen aus gesteuert. Die nagelneue Beschilderung entspricht den Standards, hat aber Lücken. Die Fahrgäste, die teils lange Wege zwischen den Zügen zurücklegen müssen, sind dann auf sich allein gestellt. Fast jedenfalls – denn da sind ja die 4 Leute von der Bahnhofsmission. Sie tun weit mehr als sie müssten und verleihen dem Knoten Kreiensen damit ein letztlich noch freundliches Image.

 

 

Anlaufstelle für alle, die Hilfe brauchen: Die Kreienser Bahnhofsmission – nur echt mit Einbruchsspuren…

 

„Wir beruhigen und bieten eine Tasse Kaffee an“ erläutert Robert Schirmer das Tagesgeschäft der Bahnhofsmission, einer von knapp 100 bundesweit übrigens, hier allerdings tatsächlich von der örtlichen Kirchengemeinde getragen. „Wir reden auch schon mal mit dem Triebfahrzeugführer, wenn wir sehen, dass noch Leute zum Bahnsteig gelaufen kommen. Aber immer klappt das nicht…“. Schirmer ist seit 10 Jahren dabei, seit dem Tag, als die Kirche in Kreiensen die Zügel der Mission wieder in die Hand genommen hat. 2015 hat er rund 7.500 Kontakte registriert. Gestrandete im üblichen Sinne, Kranke, Verzweifelte, aber zu einem sehr großen Teil eben auch ganz normale Reisende, mit denen es das Schicksal nicht gut gemeint hat. Schirmer führt auch Buch über die Verspätungen und die dadurch eingetretenen Anschlussverluste, auch über die Zahl der betroffenen Reisenden. Keine Woche vergeht, wo er nicht mehrere Male solche Vorkommnisse vermerkt: Auskunft über den nächsten Zug gegeben, Taxi gerufen, Verwandte verständigt – und einen Kaffee hingestellt. Das hilft immer, meint er, an kalten Tagen jedoch ganz besonders. Viele Anschlussverluste seien vermeidbar und nur darauf zurückzuführen, dass die drei Unternehmen DB Regio, Metronom und NordWestBahn im Grunde nebeneinander her führen und sich untereinander kaum verständigten. Und darauf, dass eben die „ordnende Hand“ in Form einer rot bemützten Servicekraft fehlt. In Hannover wird das Signal auf grün gestellt, wenn Zeit sei, was sich vor Ort auf den Bahnsteigen gerade tut, sieht man dort nicht. Und ist es grün, wird abgefahren.

An unserem Besuchstag (18.02.2016) herrscht wieder einmal Chaos. Schranken- und Signalstörung bei Salzderhelden, die Metronom-Züge haben zwischen 10 und 12 Uhr bis zu 30 Minuten Verspätung, es erwischt auch einige der Harzburger Züge, Anschlüsse gehen reihenweise in die Brüche. Ratlose Reisende irren herum. Sehr viele sind es um diese Zeit nicht – das Gros der Umsteiger, weiß Schirmer, kommt am frühen Nachmittag durch. Viele Pendler verlassen sich sowieso schon nicht mehr auf die Anschlüsse und fahren lieber mit dem Auto bis Kreiensen, um dort in die Metronome-Züge einzusteigen. Die sind zwar auch nicht immer pünktlich, aber man sitzt jedenfalls schon mal drin…

 

Robert Schirmer und Elli Briese kümmern sich – und können viel erzählen.

 

Schirmer führt herum. Er kennt die Schwachstellen und hat sie auch schon mehrfach der Bahn gemeldet. Interessiert hat es bisher keinen. Da sind die kaum erkennbaren Schilder zum Gleis 1, da sind die fehlenden Hinweisschilder auf die Gleise 51,52 und 72 (ja, die gibt es in Kreiensen!) ausgangs der Unterführung, da ist ein unglücklich angebrachter Bedienknopf für den Aufzug, der immer wieder dazu führt, dass Leute zu ihm kommen mit dem Hinweis, der Fahrstuhl sei kaputt. Hier hat Schirmer schon einen roten Pfeil angebracht, der offensichtlich auch hilft.

 

 

Viele Reisenden finden den unglücklich platzierten Knopf für den Aufzug nicht. Robert Schirmer zeigt PRO BAHNER Gerd Aschoff, wo er einen Hinweispfeil angebracht hat.

 

Und da sind die dem Corporate Design der Bahn verpflichteten Ansagen und Displays: Es fährt ein der RE2 nach Uelzen über Freden… Das war es schon, und die Leute in den blauen Anoraks werden angesprochen: Fährt der denn nicht nach Hannover? Die großen auf dem Laufweg liegenden Stationen werden verschwiegen – Vorgabe von oben? Das Display gönnt uns neben Freden noch Alfeld und Elze, Hannover als wichtigstes Ziel verschweigt es ebenso. Wer sich solches ausdenkt, fährt wohl selbst nie Bahn.

 

 

Die Überdachungen wurden kürzlich erneuert, sind aber teilweise undicht. Für wartende Reisende gibt es sogar einen geheizten Raum vor dem privaten „Reisezentrum“.

 

Weiter: Die Vorgaben der Landesnahverkehrsgesellschaft werden gnadenlos umgesetzt. Ein Bahnhof, ein Automatenbetreiber. Hier ist es „Metronom“. Eine Fahrkarte nach Köln kann man dort jedoch nur im Nahverkehr kaufen. Am Automaten der DB konnte man alles bekommen. Aber der wurde kürzlich abgebaut. Die DB hat „ihre“ Entwerter an den Gleisen 51,52 und 72 auch gleich kassiert. Geblieben sind nur die direkt neben den Automaten stehenden… Optimierung zulasten des Kunden an allen Ecken und Enden. Wer verspätet zum Bahnsteig hetzt, stellt fest, dass er zum Entwerten wieder zurück muss. Da ist der schmale Bahnsteig zwischen den Gleisen 51 und 52 – neu gebaut, aber so eng, dass auszuladende Rollstühle die 90-Grad-Kehre von der Rampe nicht mehr hinbekommen. Rollstuhlfahrer, die aus Richtung Paderborn anreisen, erhalten ab Holzminden einen Taxigutschein…

 

 

Achtung Labyrinth mit Treppen. Die Bahnhofsmission hilft.

 

Mitunter dienen die Leute von der Bahnhofsmission auch als Blitzableiter für frustrierte Reisende. Schirmer und die anderen können damit umgehen – sie haben dafür sogar Lehrgänge besucht. Aber ihre Rolle ist es eigentlich nicht, sich die Tiraden erboster Kunden anzuhören, denen mal wieder ein Anschluss vor der Nase weggefahren ist.

 

Das wunderbare Empfangsgebäude, nach den Kriegszerstörungen der Großstadtbahnhöfe und auch des Northeimer Bahnhofs ein geradezu kostbares Juwel, figuren-, wappen- und terrakottafriesgeschmückt, steht zu 80 Prozent leer. Reisezentrum, Bahnhofsmission, Basa-Räume, einige Räume für DB Regio, das war es. Eines der ältesten Drucktastenstellwerksgebäude in Deutschland steht gleich dahinter – auch leer, seit der Bahnhof von Hannover aus gesteuert wird. Beides schreit geradezu nach musealer oder anderweitig kultureller Nutzung – doch wer will im Zeitalter schwarzer Nullen dafür aufkommen? An einigen Stellen bröckelt der Putz bedenklich. Einen der puttenhaften Engel, der bei einem früheren Umbau abgeschlagen werden sollte, hat Schirmer gerettet. Er steht jetzt in seinem Garten.  

 

 

 

Der kleine Pavillion links wurde früher von der Bahnaufsicht genutzt. Nach deren Abschaffung residiert hier ein Taxiunternehmen, dass gestrandete Fahrgäste ans Ziel bringt.

 

Der kleine Pavillon, in dem bis Mai 2015 der örtliche Servicemitarbeiter seinen Sitz hatte, steht nicht leer. Er wurde an das örtliche Taxiunternehmen vermietet. Dieses macht mitunter ganz gute Geschäfte – wenn der Zug nach Holzminden weg ist, geht der nächste oft erst in zwei Stunden. So lange will niemand warten. Auch wer in die Gandersheimer Reha-Klinik will, muss handeln, wenn der Anschluss verpasst ist. Also: Ein Taxi nehmen…

 

Robert Schirmer hat wie seine drei Kolleginnen und Kollegen aber trotzdem Freude an seiner Arbeit. Ein alter Kreienser hat eben irgendwie immer einen Bezug zur Bahn, auch wenn der frühere Bauunternehmer selbst dort nie beschäftigt war. Man hilft in gut christlicher Gesinnung gerne weiter. Eben auch dann, wenn man mit der Sache wirklich rein gar nichts zu tun hat. Da ist ein Mensch in schwieriger Lage, und dem wird geholfen. Wenn es die Bahnhofsmission in Kreiensen nicht gäbe – man müsste sie erfinden. Wie all die anderen Bahnhofsmissionen auch. Hierzulande unter anderem in Göttingen, in Elze, in Lehrte, in Paderborn oder in Halberstadt, abgesehen natürlich von den Brennpunkten wie Braunschweig, Hannover oder Hamburg. Leider gibt es keine in Goslar, keine mehr in Northeim und auch keine mehr in Nordhausen. Auch dort stranden tagtäglich Fahrgäste…

 

Ihnen allen sei an dieser Stelle aus Sicht der Bahnkunden einmal herzlich gedankt. Kreiensen ist leider nicht überall – aber es ist gut, dass es hier und anderswo diese segensreiche Einrichtung gibt. Sie verdient unser aller Unterstützung, denn sie ist „pro Bhn“ aktiv. Im besten Sinne des Wortes!

Michael Reinboth