Bus besser als Bahn?

Probleme nach Abbestellung der Bahnstrecke Bitterfeld - Stumsdorf

1. Busfinanzierung

Unbeantwortet und nicht gelöst ist die künftige Busfinanzierung, wenn die Landesförderung ausläuft. Für eine Übergangszeit erfolgt die Finanzierung des Busverkehrs aus Landesmitteln.

2. Anerkennung BahnCard

Die BahnCard wird seit 17.10.2002 (Recherche der Mitteldeutschen Zeitung) anerkannt, die Anerkennung ist befristet bis 31.08.2003. BahnCard-Nutzer müssen nach Test von PRO BAHN aber zwischen 30 und 133% mehr zahlen als vorher für die Bahnfahrt, diese Preiserhöhung wurde nicht bekannt gegeben.

3. Tarifgestaltung / Fahrscheinanerkennung

Preisgünstige Angebote wie Hopperticket, Twen Ticket, Gruppenticket haben Gültigkeit verloren, dadurch Fahrscheinverteuerung (erheblich für Familien und Gruppen). Reisende, die in Bitterfeld oder Stumsdorf z.B. nach Zörbig umsteigen, sind über die Nichtannerkennung des Hoppertickets nicht informiert

4. Fahrscheinvertrieb / Fahrscheinerwerb / Reisendeninformationen

Die Bahnhöfe/Fahrkartenausgaben entlang der Bahnstrecke sind geschlossen. Reisende werden über Fahrscheinwahl nicht mehr beraten, Gruppenfahrten können nicht mehr angemeldet werden.
Es gibt keine Informationen über Fahrplanänderung (z.B. an den Endbahnhöfen Bitterfeld und Stumsdorf, bei Fahrplanwechsel und Bauarbeiten)

Fahrscheinautomaten zum Teil demontiert, d.h. beschränkte Möglichkeit einen Bahnfahrschein zu erwerben

Bahnfahrscheine im Bus nicht erhältlich, dadurch Verteuerung und unattraktiv für den Reisenden. Fahrschein muss in Bitterfeld bzw. Stumsdorf erworben werden, wenig Zeit bei kurzen Umsteigezeiten.

Fahrscheinerwerb ab 15.12.2002:
Deutsche Bahn führt neues Preissystem ein (Fahrscheinvorverkauf seit 01.11.2002)
- Rabatte auf Fahrscheine werden im Bus nicht anerkannt
- Vorbestellung und Reservierung nicht möglich
- Fahrgast muss zum nächsten geöffneten Bahnhof fahren, d.h. enormer Zeit- und Kostenaufwand

5. Anrufbus

- unflexibles und mobilitätseingeschränktes Anrufbusverfahren am Wochenende / Feiertagen
- Anschlussreisende in Stumsdorf können keinen Anrufbus bestellen, da keine örtliche Telefonzelle vorhanden
- keine Fahrradbeförderung möglich, wenn Fahrgast nicht vorher bekannt gibt; Ortsfremde sind darüber nicht informiert
- wegen Sitzplatzbeschränkung können Kurzentschlossene nicht in jedem Fall befördert werden
- Bestellhotline ständig besetzt, d.h. Bestellung kostspielig und zeitaufwendig
- rechtzeitige Beförderung nicht garantiert

6. Anschlussgewährleistung / Übergänge

Der Busfahrplan musste zum 01.11.2002 umgestaltet werden, da es in Stumsdorf zu Anschlussproblemen kam. Durch die frühere Abfahrzeit in Bitterfeld soll der Anschluss in Stumsdorf gewährleistet werden. Dadurch ist allerdings in Bitterfeld der Anschluss aus Richtung Dessau und Lutherstadt Wittenberg gefährdet: Ankunft der Regionalbahnen zur Minute 05, Abfahrt Bus nach Stumsdorf zur Minute 07

Fahrplanwechsel bei der Deutschen Bahn am 15.12.2002, Busfahrzeiten sollen sich nicht ändern
Neuanordnung der Zugkreuzungen im Bahnhof Bitterfeld im Nahverkehr
Ankunft der Regionalbahn aus Dessau und Lutherstadt Wittenberg zur Minute 18, Abfahrt Bus in Richtung Stumsdorf zur Minute 08.
Abfahrt der Regionalbahnen aus Halle/S. und Leipzig zur Minute 39, Ankunft Bus aus Richtung Stumsdorf zur Minute 37.
Übergangsreisende müssen künftig lange Wartezeiten in Kauf nehmen!

witterungsgefährdete Anschlüsse / Übergänge an den Endbahnhöfen in den Wintermonaten (z.B. Schnee, Schneeverwehungen, Eisglätte)
- in den Frühstunden für Berufspendler, Schüler und Berusschüler ordnungsgemäße Beförderung nicht gewährleistet (durch Verspätung, Busausfälle)

Verständigung zwischen Bahn und Bus bei Verspätungen kurzfristig nicht möglich
- Anschluss- / Übergangsreisende können nicht angemeldet bzw. vorgemeldet werden
- Bus bzw. Bahn wartet nicht, d.h. der Fahrgast bleibt auf dem Bahnsteig zurück

Schrankenschließzeiten in Stumsdorf
- bei geringen Busverspätungen steht der Bus vor geschlossener Bahnschranke

7. Verbleib / Bewirtschaftung Bahnhöfe und Haltepunkte

Bahnhöfe Zörbig und Sandersdorf seit der Abbestellung geschlossen
- Bahnhöfe und Haltepunkte (Großzöberitz, Heideloh, Grube Antonie) werden von DB Station & Service nicht mehr gepflegt
- zunehmende Vandalismusschäden und Einbrüche, da Bahnhöfe und Haltepunkte nicht mehr bewacht bzw. kontrolliert werden
- Treffpunkt von Kindern und Jugendlichen
- Anliegergemeinden haben Problem mit den leerstehenden und nicht mehr genutzten Bahnhöfen und Haltepunkten

Fazit / Zusammenfassung

Durch die kurzfristige Abbestellung der Bahnstrecke Bitterfeld - Stumsdorf zum 01.10.2002 durch die Landesregierung von Sachsen-Anhalt traten eine Reihe von Problemen und Mängeln auf, die bereits vor der Abbestellung feststanden. Durch die fehlende bzw. ausgebliebende Gesprächsbereitschaft des Landes traten für die Nutzer des SPNV entlang der Bahnstrecke zum Teil erhebliche Verschlechterungen und Einbußen ein. Versprochen wurden aber deutliche Verbesserungen gegenüber der Schiene. Sie sind nicht erkennbar und werden auch zukünftig nicht durch den Bus zwischen Bitterfeld und Stumsdorf zu lösen sein.

Einschnitte bei der Anerkennung von Fahrscheinen, die zum Schluss auch noch teurer wurden, aber auch das Problem des Anrufbusses an den Wochenenden und Feiertagen, behindern und gefährden einen attraktiven und kostengünstigen Personennahverkehr. Genannt werden sollen auch die Probleme bei der Anschlussgewährleistung an den Endbahnhöfen. Hier wird dem Fahrgast zum Fahrplanwechsel im Dezember ein "abenteuerliches" Szenario vorgehalten. Die Zuganschlüsse könnten über die Schiene 100%ig gesichert werden.

Im Stich gelassen werden auch die Anliegergemeinden wegen der ungeklärten Zukunft der unbewohnten und derzeit nicht genutzen Bahnhofsgebäuden sowie des Bahngeländes. Durch eine "Streckenreaktivierung" können die Bahnhöfe wieder genutzt werden. Entsprechende Gespräche gab es zwischen dem Eigentümer des Zörbiger Bahnhofes und einem Eisenbahnunternehmen. Durch die angekündigte Großinvestition in ein Werk in Zörbig soll zukünftig umfangreicher Güterverkehr auf der Bahnstrecke stattfinden. Daher soll auch die Chance gegeben sein, den SPNV durch ein privates Eisenbahnunternehmen zu erbringen. So kann die Bahnstrecke wirtschaftlicher und preiswerter betrieben und unterhalten werden. Dies kommt auch den Fahrgästen zugute, die auf einer ausgebauten Infrastruktur, in modernen Triebfahrzeugen und durch attraktive Fahrscheintarife schneller, preiswerter und kundenfreundlicher auf der Schiene unterwegs sind.

Sebastian Herbsleb
Stand 22.11.2002

Link: www.saftbahn.de


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